.

Das war der Darß Marathon

Mein erster Barfuß-Halbmarathon

 

Ich laufe schon seit einigen Jahren regelmäßig barfuß, meist nicht länger als eine halbe Stunde. Weitere Distanzen, wie einen Halbmarathon habe ich bisher mit Laufsandalen absolviert, die dem Barfußlaufen schon sehr nahe kommen und trotzdem noch weit davon entfernt sind.

 

Den Entschluss den Darß Halbmarathon barfuß zu laufen fasse ich sehr spät. Erst zwei Wochen davor spiele ich mit dem Gedanken es zu versuchen. Der Darß Marathon ist immer sehr früh im Jahr, Ende April, und es bleibt nur wenig Zeit um die Fußsohlen zu gewöhnen. Meine Sprunggelenke und Waden sind die Belastung gewöhnt da ich ja sonst quasi nur in Barfußschuhen laufe. Daher werden meine Fußsohlen zum entscheidenden Kriterium. Den größten Respekt habe ich vor dem Schlussstück bei dem es noch ca. 3 Kilometer am Bodden, also am Küstengewässer entlang geht. Ein Weg, der gespickt ist mit scharfkantigen Steinen. Am Start bin ich daher ziemlich aufgeregt, freue mich aber auf den Lauf wie die vielen anderen Läufer. Natürlich werde ich von mehreren Läufern angesprochen und vom mitleidigen Lächeln bis "du harte Sau" ist alles dabei. Die harte Sau hat zur Sicherheit noch weiche Barfußschuhe in der Hosentasche für den Notfall. Ich weiß absolut nicht was auf mich zukommen wird und befürchte, dass meine Fußsohlen Schnitte und Blasen abbekommen werden.

 

Aufstellung nehme ich im hinteren Drittel des Feldes, weil ich nicht möchte, dass mir jemand auf die Füße tritt und mir die Laune schon am Anfang verdirbt. 10,9,8... Es geht los!

 

Das Feld setzt sich in Bewegung und die ersten Schritte fühlen sich wunderbar an. Man glaubt es kaum, aber Asphalt ist sozusagen der weichste und übersichtlichste Belag für einen Barfußläufer und die ersten 9 Kilometer verlaufen nur auf Asphalt. Einzige Tücke, man wird verleitet unachtsam zu werden und gelegentlich auftauchende Steine können unangenehm werden, weil man nicht darauf vorbereitet ist. Ich gehe es ganz gemütlich an, da ich nicht weiß wie lange meine Fußsohlen das mitmachen. Ich schwebe dahin und bin glücklich den Boden unter meinen Füßen zu spüren. Bei Kilometer 10 will ich einen Blick auf die Sohle riskieren, aber ich tue es dann doch nicht, weil sich alles super anfühlt. Die Stimmung ist fröhlich, die Leute am Straßenrand feuern uns an und immer wieder sehe ich die Leute auf meine Füße blicken und klatschen. Eine Band spielt am Straßenrand und der Rhythmus der Musik und meines Körpers verbinden sich. Ich bin völlig euphorisch und nun überzeugt, dass ich das durchziehen werde, egal was kommt.

 

Ich bleibe konzentriert, behalte den Weg vor mir im Auge um keine bösen Überraschungen zu erleben, denn nun geht es erst wirklich los: Waldboden mit Ästen, Wurzeln, Steinen und Steinplatten – die zweite Hälfte des Halbmarathons. Ich laufe seit vielen Jahren. Zum ersten Mal wird es nun so richtig zur Meditation. Das habe ich so noch nie erlebt. Alle Sinne öffnen sich und ich bin trotzdem total fokussiert, sehe den Weg vor mir und auch alles um mich. Das Licht, die Farben, Kontraste, das Singen der Vögel, der Geruch des Waldes, mein Atem, all das nehme ich ganz deutlich und stark war. Ich übertreibe nicht wenn ich sage Barfußlaufen ist bewusstseinserweiternd.

 

Dann, ein Vorgeschmack auf das Schlussstück, eine angelegte Waldstraße mit scharfkantigen Steinen. Ich bleibe stets im Laufschritt, werde nun aber deutlich öfter überholt, überhole aber auch selbst, nämlich jene, die sich vielleicht am Anfang etwas übernommen haben. Ich wundere mich ohnehin nicht mehr warum viele Läufer Gelenks- oder Rückenprobleme haben, weil es ganz offensichtlich ist, dass sie sich schaden. Ein Grund dafür sind die Schuhe, behaupte ich, weil einem der Schuh keine Rückmeldung geben kann. Schuhe verleiten dazu hart aufzutreten, zu große Schritte zu machen, mit den Fersen zu landen, weil ein Schuh dämpft ...tut er aber nicht wirklich, denn der Druck auf die Gelenke wird mit Schuhen nicht weniger, sondern die Schuhe machen den Träger unsensibler ...

 

Der Lauf ist im wahrsten Sinne eine Sensation, alle meine Sinne öffnen sich und werden durchlässig. Plötzlich taucht die letzte Versorgungsstelle vor dem Ziel auf und es sind nur noch wenige Kilometer. Ich fühle mich immer noch frisch und leicht und freue mich meinen Kindern und meiner Frau lachend im Ziel entgegen zu laufen.Meine anfänglichen Befürchtungen haben sich in Luft aufgelöst und das Gegenteil ist eingetreten. Ich dachte meine Fußsohlen könnten verletzt oder überempfindlich werden, aber sie scheinen mit jedem Schritt stärker zu werden.

 

Das letzte Stück wartet auf mich, der steinige Weg entlang des Ufers am Bodden. Ich muss das Tempo reduzieren und laufe wie auf rohen Eiern. Aber ich spüre keine Schmerzen sondern nur Freude. Auf den letzten paar hundert Metern sehe ich wie mir Freunde und Zuschauer zurufen und dann wechselt der Belag noch mal zu Asphalt, optimal für den Schlusssprint. Ein kalter Schauer läuft mir über den ganzen Körper und ich laufe so schnell ich kann und wundere mich wie viel Energie ich noch habe. Ich überhole noch ein paar Läufer und bin im Ziel, die Medaille um den Hals und meinen lachenden Sohn im Arm. Ein großartiges Gefühl!

 

Wie sehen wohl meine Fußsohlen aus? Habe ich durch die Euphorie die Blasen nicht gespürt? Aber nichts - außer schmutzigen Füßen!

 

Ich bin immer schon überzeugt vom Barfußlaufen, doch nun bin ich mir sicher: ich werde damit nicht mehr aufhören! Nur barfuß ist echt, da kann einem die Barfußschuhindustrie noch so viel vorgaukeln, und auch das Gefühl ist einzigartig und nicht vergleichbar mit besohlten Füßen.

 

Prost, das Bier schmeckt herrlich!

 

Hier könnt ihr auf der Seite http://www.darss-marathon.de weiter stöbern.

.